Erreichbar – immer und für Jeden im Web 2.0

Marcus Reinke 19. Januar 2009 | No Comments | Posted in Online Dienste

“Bin mal kurz online…” – dieser Satz kann inzwischen eine Zeitspanne bis zu mehreren Stunden bedeuten. Denn aus “mal kurz” wird durch die selbstgeschaffene Präsenz bei diversen Networking-Plattformen, Foren, ChatRooms und Instant-Messengern schnell eine Stunde. Warum?

Mit der ständigen Präsenz und den damit verbundenen “Pflichten” beschäftigt sich der folgende Artikel und meine kommende Präsentation am 22. Januar 2009.

Erreichbar – IMMER!?

Mittlerweile gilt der Anspruch der permanenten Verfügbarkeit (egal ob über das Handy oder im Web) nicht mehr nur für Minister oder Manager. Es gibt in Deutschland mehr aktive Mobilfunkanschlüsse als Einwohner! Diese so genannte “100-Prozent-Sättigung der Mobilfunkversorgung” geht einher mit einer Stimmung, nach der sich 74 Prozent der Deutschen angeblich dadurch in ihrem Lebensgefühl bereichert fühlen, dass ihr Handy sie nicht mehr los lässt. Ständig erreichbar zu sein, wird von vielen als angenehm empfunden, nicht als Anstrengung.

Jeder wird zum Mitteilungs-Manager, denn die neuen mobilen Kommunikationsmöglichkeiten markieren nur den offensichtlichen Beginn eines Verfügbarkeits-Regimes á la Web 2.0 . Dank neuer Kommunikations-Werkzeuge des Internets ist dieses Regime nicht mehr nur angenehm, sondern gleicht einer Art Verfügbarkeits-Terror:

alles will sofort die volle Aufmerksamkeit. Meistens läuft der Fernseher nebenbei, ein paar Kumpels sind da und wenn man ganz weit vorne sein will, klemmt unter dem einen Ohr das Handy. Das dies alles live ins Netz geht, da man die WebCam noch eingeschaltet hat, ist obligatorisch. Zusammengefasst: Immer alles sofort und gleichzeitig! Aber auch wenn man alleine ist, kann man Stunden damit verbringen, die eigenen Tätigkeiten online zu stellen (über Blogs oder Twitter) oder in Profilen von anderen zu stöbern (bei FaceBook, StudiVZ und anderen).

Instant Massenger

Auf diese Art fühlt man sich mit den Menschen verbunden, obwohl sie auf der ganzen Welt verteilt sind und schon der Zeitunterschied ein normales Telefonat erschwert. Auch die Möglichkeit mein Gegenüber zu sehen, während man sich über MSN (Instant-Messenger) unterhält, ist ein lustiges Gimmick der Technik und wäre vor einigen Jahren aufgrund der Bandbreitenverfügbarkeit schlichtweg nicht möglich gewesen.

Parallel ist in der interpersonalen Kommunikation übers Internet jedoch eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten: Die genannten Kommunikationswerkzeuge ermöglichen zwar den Austausch in Echtzeit – über Landesgrenzen und Zeitzonen hinweg. Sie sorgen aber auch dafür, dass der Nutzer sich freiwillig einem Diktat der Gegenwart unterzieht. Bei der beinahe schon als klassisch zu bezeichnenden Internet-Kommunikation via eMail ist dies vielleicht lediglich eine Frage der Höflichkeit (Wie lange darf man warten, bis man eine E-Mail beantwortet?). Bei Chats oder Instant-Messenger-Dialogen ist dieses Echtzeit-Diktat aber Grundlage der Kommunikation. Ohne sofortige Antwort zerfällt die Instant-Kommunikation, der Gesprächspartner ist sauer und man kann wieder einige Zeilen investieren um den online Faux Pas zu erklären.

Die Kommunikation derer, die ihre permanente Verfügbarkeit managen können, ist nicht länger linear. Ihre Vorstellung dessen, was als effizient oder konzentriert zu gelten hat und was eine Ablenkung ist, verschiebt sich. So entsteht zunehmend ein Graben zwischen denen, die mit dieser neuen Kultur selbstverständlich umgehen und jenen, die sich dem Terror des Jetzt nicht beugen wollen (oder können). Sogar Steve Wozniak – bekennender Technik-Optimist (Die größte Erfindung der vergangenen 100 Jahre: “Der Personal Computer”) und Mitbegründer der Computerfirma Apple – antwortete unlängst auf die Frage, was ihn am Computer am meisten störe: “Die ständige Erreichbarkeit.”

Twitter

typische Twitter-Site eines Users

Allerdings kann man sich den Umstand der ständigen weltweiten Verfügbarkeit der eigenen Gedanken, Tätigkeiten und Thesen auch zu nutzen machen. John Edwards, der vor vier Jahren an der Seite von John Kerry US-Vizepräsident werden wollte, betrieb seinen letzten Wahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur in den USA unter anderem mit der Website Twitter. Hier beantwortet eine ständig wachsende Zahl Menschen minütlich via Web oder SMS nur eine Frage “Was tust du gerade?”. 140 Zeichen müssen für jede Antwort reichen. Twitter, das als das nächste große Ding im Internet gilt, ist eine weitere Steigerungsform der Echtzeit-Dominanz. John Edwards scheint damit umgehen zu können. An guten Tagen bringt es der Politiker innerhalb von drei Stunden auf gut drei neue Twitter-Nachrichten. Welcher deutsche Shooting-Star sich dieses Phänomen zu nutzen gemacht hat, steht weiter unten…

Man kann diesen Dienst für “Bullshit-Blogs” nutzen und anderen mitteilen, dass man gerade Kaffee macht oder einen Film mit nem Kumpel schaut und ganz viel Helles kippt. Oder man nutzt es professionell wie John Edwards oder diverse Nachrichtenagenturen (CNN, NY-Times, Spiegel online), die Twitter als LiveBlog für die schnelle Verbreitung ihrer News einsetzen. Auch in Büros oder großen Firmen ist Twitter ein nettes Tool, um den Mitarbeitern kurz und bündig (max. 140 Zeichen) den aktuellen eigenen Status mitzuteilen. Der Vorteil ist, dass man seine Updates per Password vor fremden Augen schützen kann und so den Kreis der Mitwisser selbst bestimmt.

Wer jetzt noch Fragen zum Thema Twitter hat, dem wird mit diesem Video geholfen. Folgende Fragen werden nicht beantwortet: 1. Warum? und 2. WARUM? Ich selber habe über diverse Medien von dem Dienst erfahren und gerade erst angefangen zu twittern. Wen es interessiert – hier steht’s:    http://twitter.com/Der_Marcus

Eigene Meinung

Dass es zum Web 2.0 nicht nur positive Stimmen gibt, ist allgemein bekannt. Zu den üblichen Bedenkenträgern des zu schnellen Fortschritts und des “Striptease im Web” gehören zum Beispiel der Chaos Computer Club (CCC) oder kritsche Blogs. Ich bin der Meinung, dass man nur das von sich preisgibt, was man selber auch will. Wenn ich nicht möchte, dass jemand liest, dass ich grade im Lidl einkaufe, dann schreibe ich es einfach nicht. Oder ich schreibe das und schütze mich durch ein Password. Gleiches gilt für meinen Auftritt bei den verschiedenen Social Networking Tools – je nachdem wie professionell und aktuell man hier erscheinen möchte, desto mehr Mühe sollte man sich geben. Und wenn ich nicht möchte, dass man mich findet, suche ich mir einen anderen Namen oder ändere die Einstellungen zur Privatsphäre. Dass das keinen 100%igen Schutz vor Schnüfflern bietet ist mir wohl bewusst – aber die Zahl derer, die mein Profil sofort einsehen können, sinkt gewaltig. Allerdings sollte man sich fragen, was einem die ganzen Informationen wirklich nutzen – ausser passende Werbung in meinem Postfach oder am Seitenrand?

Wo ich allerdings gnadenlos zustimmen kann: Diktat der Gegenwart. Falls jemand wirklich bei den ganzen Diensten angemeldet ist, zwei InstantMessenger hat, 3 eMail-Accounts bedient und 2 Blogs über sich schreibt – DANN meint er mit “ich bin mal kurz online” wirklich eine Stunde … zum Aktualisieren seiner virtuellen Identität.

Marcus Reinke

Eins noch: Die stets geliebte Zeitschrift Titanic hat anlässlich der Landtagswahl in Hessen eine nette Kopie des Twitter-Profils von Schäfer-Gümbel erstellt. “TSG” hat sich ebenfalls bei Twitter verewigt – aber die Titanic-Version ist deutlich lustiger…

titanic

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